Handbuch 5. Auflage
948 Mührel · Dungs Mensch und technisierter Welt in ihr Selbstver- ständnis und ihre Lebenskonzepte, und somit in ihr Handeln, sinnvoll zu integrieren, damit sie sich in der menschlichen Gesamtpraxis fortdauernd bewäh- ren können. Dieser Technisierung der Lebenswelt folgt nun aber die Technisierung des Lebens selbst, worauf die Lebenswissenschaften und die Biotech- nologie schon in ihren Begriffen hinweisen. Damit wird eine entscheidende Entgrenzung des Menschen hervorgerufen. Die Lebenswissenschaften, und da- rin vor allem die Biotechnologien mit ihren Ein- griffen in den Menschen, fordern eine neue Selbst- beschreibung des Menschen in einer sich gleichzeitig wandelnden Lebenskultur. Der Förderung einer solchen Lebenskultur diente seit ihren Anfängen in der Antike die philosophische Lebenskunst. Sie zielt bis in die heutige Zeit auf die Kunstfertigkeit, die griechische techne im ursprünglichen Sinne, das ei- gene Leben in den jeweiligen Lebensumständen ge- lingend und sogar vielleicht glücklich zu gestalten. Moderne Vertreter einer derartigen Lebenskunst (Schmid 2004, 2007; Capurro 1995) greifen daher auf antike Ursprünge wie bei Marc Aurel (2004) zu- rück, teils auch in ihrer Erneuerung im Rahmen der von Michel Foucault beschriebenen Technologien des Selbst und einer Ästhetik der Existenz (2007). Der Vorwurf, es handle sich bei Konzepten der Lebens- kunst um individualistische und egoistische Formen der Selbstgestaltung bei gleichzeitiger Ausblendung gesellschaftlicher wie politischer und biopolitischer Fragestellungen, ist zumindest teilweise damit zu entkräften, dass schon die antiken Konzeptionen nie alleine ein individuelles Glück des Lebens anvisier- ten, sondern immer auf der Grundlage einer Be- schreibung des allgemein-menschlichen Glücks ba- sierten. Spätestens heute, in einer globalisierten Welt, wird deutlich, dass die Möglichkeiten einer Lebens- kunst nur dann überzeugend individuell und gesell- schaftlich umgesetzt werden können, wenn gleich- zeitig doch am besten alle Menschen über die wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten und eine Bildung verfügen, die einer solchen förderlich sind. Lebenskunst als Teil einer Lebenskultur ist da- her überzeugend nur im Rahmen einer demokrati- schen und humanen Gesellschaftsordnung und Le- bensform möglich. Die Einbindung der biotechnisch indizierten Mög- lichkeiten der Selbstgestaltung in eine derartige Lebenskultur bezieht sich somit auf zwei Ebenen. Einerseits gilt es auf der individuellen Ebene zu klären, wie diese Möglichkeiten der Gestaltung des Bios sinnvoll in die eigene Lebensführung und -ge- staltung einzubeziehen sind. Dienen diese einer Erweiterung und Vertiefung der Lebenskunst oder nur einem unreflektierten Selbstkult bzw. einem oberflächlichen Selbstdesign? Auf der gesellschaft- lichen Ebene ist darauf hinzuwirken, dass diese Möglichkeiten gerecht verteilt zur Verfügung ge- stellt werden, damit eine biotechnisch erweiterte Selbstbestimmung jedes einzelnen ermöglicht wird. Damit einher geht die Forderung, dass die Ent- wicklung der Lebenswissenschaften nicht zu einem gesellschaftlich akzeptierten, biotechnisch domi- nierten Menschenbild führt. Eine demokratische und humane Lebenskultur sowie darin eingebun- dene Konzepte der Lebenskunst basieren auf einer Offenheit des Menschenbildes und des Schutzes der Lebenswelten vor – lebenswissenschaftli- cher – Technokratisierung (Dungs et al. 2009). Denn der Technokrat glaubt an einen Humanis- mus, nach dem das gelingende Leben biotechnolo- gisch herbeigeführt werden kann. Durch das zu- nehmende Vermögen der Biotechnologie, das Menschliche in eine molekulare Software zu trans- formieren, wird die Rede von „dem Menschen“ nachhaltig sabotiert (Gamm 2009). Aufgaben Sozialer Arbeit Die Förderung gelingenden Lebens als Zielsetzung einer Lebenskunst im Rahmen einer um lebenswis- senschaftliche und dabei besonders biotechnologi- sche Möglichkeiten erweiterten humanen und de- mokratischen Lebenskultur ist perspektivisch eine zentrale Aufgabe Sozialer Arbeit. Hierzu gehören unter anderem die sozialpädagogisch orientierte Ge- netische Beratung hinsichtlich des Umgangs mit ge- netischen Risiken (Schäfer 2009), die klinische Sozi- alarbeit (Schaub 2008) und die Straffälligenhilfe, die sich mit einer evtl. lebenswissenschaftlich – ins- besondere sozialbiologisch – dominierten Krimino- logie auseinandersetzen werden wird. Soziale Arbeit fördert in ihrer Lebensweltorientierung grundlegend das möglichst gelingende Leben ihrer Klienten und Adressatinnen. Sie unterstützt über die Hermeneu- tik der Lebensweisen und die darauf aufbauenden sozialpädagogischen Methoden deren Kompetenzen hinsichtlich ihrer Gestaltung in den jeweiligen Le- bensumständen (Mührel 2008). Einer solchen För-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=