Handbuch 5. Auflage
Leid(en) 953 Im Gegensatz zu den sozialarbeiterischen und sozi- alpädagogischen Traditionslinien, die substanziell „auf den Zusammenhang von gesellschaftlichen be- dingten Lebensverhältnissen und Problemen der Lebensführung und damit stets auf das Verhältnis von (unnötigem) Leiden und Möglichkeiten der Entfaltung bezogen ist“ (Otto et al. 2010, 138), be- durfte es in der soziologischen Disziplin somit einer Renaissance machtanalytischer, sozialtheoretischer Ansätze, die neben der Dechiffrierung der Mecha- nismen auf Dauer gestellter sozialer Disparitäten (Tilly 1998) auch zeitdiagnostische wie gesell- schaftstheoretische Impulse für Kritik bereitzustel- len in der Lage waren (Bernstein 2005; Demirovic 2003; Renault 2009). Eine zentrale Stelle markieren hier die Forschungen von Bourdieu (1997), welche menschliches Elend und Leiden konkret als Symp- tome gesellschaftlicher Ungleichheitsrelationen be- nennen, ohne aber einen Begriff des Phänomens zu entwickeln. Im Rekurs auf Bourdieu kann die Frage nach den Zumutungen und Leiden in der deut- schen Gegenwartsgesellschaft unter den besonderen Bedingungen zunehmenden Konkurrenzdrucks und individueller Herausforderungen sowie der Unsicherheit von Beschäftigungsverhältnissen und gesellschaftlicher Exklusion mit den Worten von Franz Schultheis als „offene Baustelle“ (Schult- heis / Schulz 2005, 584 ff.) bezeichnet werden. Die sozialwissenschaftlichen Bestrebungen, Erfahrun- gen sozialen Leidens zum Ausgangspunkt kritischer Gesellschaftsanalysen zu machen, finden Unterstüt- zung in Einsichten der analytischen und neoprag- matistischen Philosophie, demzufolge es sich bei Begriffen wie Elend oder Leiden um ‚thick ethical concepts‘ handelt, bei denen deskriptive und nor- mative Gehalte in einer analytisch nicht auflösbaren Verbindung stehen (Williams 1985; Putnam 2002; Roberts 2011). Die normative Rahmung von sozialem Leiden mar- kiert die zweite zentrale Dimension . Ein Konzept wie soziales Leiden enthält sowohl deskriptive bzw. nichtwertende als auch normative bzw. wertende Momente. Die divergenten Interpretationen und auch Pointierungen bestimmter Elemente sind da- bei als unterschiedliche Gruppen einer abstrakte- ren Idee von Leiden zu verstehen, die, zumindest vage, miteinander in Beziehung stehen (Connolly 1974). Zusätzlich ist die Auseinandersetzung um die angemessenen Kriterien für die deskriptive und normative Erfassung von Leiden vor den je- weiligen historischen, sozio-kulturellen und poli- tisch-ökonomischen Dynamiken als Hintergrund des Diskurses zu betrachten. Walter Brye Gallie (1956) nennt solche diskursiv umkämpften und offenen Begriffe ‚essentially contested concepts’: Im Gegensatz zur bloßen „conceptual confusion“ zeichnet sich ein „contested concept“ dadurch aus, dass ihm ein argumentativer Disput über die ange- messene Auslegung, Ausgestaltung und Verwen- dung inhärent ist. Dabei ist der argumentative Disput zwar grundsätzlich offen und unbegrenzt, doch ist eine (temporäre) Unterbrechung der An- fechtung möglich, die gerade für Entscheidungen in politischen Kontexten bedeutsam ist (Care 1973; Freeden 1996). Insbesondere für pragmati- sche und handlungsleitende Entscheidungspro- zesse ist ein vorläufiges machtvolles Arrangement zugunsten einer spezifischen Auslegung des um- kämpften Begriffes denkbar, ohne dabei poten- zielle Kritik und damit die Anfechtung des ver- wendeten Verständnisses aufzuheben. Weil die Bedeutung von Konzepten wie soziales Leiden diskursiv umkämpft ist, bestehen für den verwendeten Begriff soziales Leiden hohe Begrün- dungs- bzw. Rechtfertigungshürden. Judith Butler (2010, 36) stellt in diesem Zusammenhang fest, dass es die „Art und Weise [ist], wie affektive und ethische Haltungen durch eine ganz bestimmte Art der selektiven Rahmung von Gewalt kulturell in be- stimmte Bahnen gelenkt werden“, die am Ende des Diskurses das Urteil, ob ein bestimmtes Leiden an- erkennungsfähig ist oder nicht, wesentlich bedin- gen. Wie Martha Nussbaum (2010, 310 ff.) rekur- riert Butler auf die Anerkennung gemeinsamer Gefährdungen im globalen Zeitalter jenseits parti- kularer Interessenpolitiken. Daraus ergeben sich starke normative Verpflichtungen zur Gleichstel- lung, die ihren Ausdruck vorrangig in der Durch- setzung eines universellen Rechts auf Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse bzw. auf die Ge- währung menschlicher Grundbefähigungen findet. Hieran schließt die dritte Dimension an, die das Ver- hältnis von sozialem Leiden und Kritik enthält. Kri- tik an leidverursachenden Lebensverhältnissen zielt neben der Frage nach der Rechtfertigung ihrer nor- mativen Grundlagen auch auf das Verhältnis von Theorie und Praxis ab. Betrachtet man Kritik als „konstitutive[n] Bestandteil menschlicher Praxis“ (Jaeggi /Wesche 2009, 7), dann werden die alltägli- chen Praktiken von Kritik kenntlich. Soziale alltäg-
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