Handbuch 5. Auflage

954 Koch / Reusch  liche Praktiken sind von Rechtfertigungsordnungen geprägt, die in den Fertigkeiten und der Vernunft des Alltags in Form von Verhaltensgewohnheiten abgelagert sind und wirksam werden (Bol­ tanski /Thévenot 1999; Potthast 2011). In dieser Konzeption von Kritik werden Menschen in ihren alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen, Austauschprozessen, Angewiesenheiten und Kon- frontationen als kompetente und reflexionsfähige Akteure / Akteurinnen anerkannt (Celikates 2009). Durch die Betonung der moralischen Binnen­ struktur alltäglich-gewöhnlicher Lebensvollzüge (Pape 2002; Edelstein /Nunner-Winkler 2000) wird die Möglichkeit von Kritik aus der Akteur­ sperspektive und deren impliziter Normativität (lay normativity) hervorgehoben. Für Soziale Arbeit in ihren konkreten Handlungszusammenhängen bedeutet dies einerseits, dass sich Sozialarbeiter / So- zialarbeiterinnen in ihrer Kritik und in ihren Deu- tungszuschreibungen auf lebensweltinterne Inten- tionen und Überzeugungen stützen können. Ande- rerseits sind die kritische Kompetenz und die Selbstzuständigkeit der Adressaten / Adressatinnen einzuräumen. Die Konsequenz einer solchen kon- zeptionellen Reformulierung des Arbeitsbündnisses bestünde dann in der Inblicknahme von Rechtfer- tigungsordnungen, einschließlich deren Zusam- menhänge und Hierarchien. So ist das Arbeits- bündnis als ein Anwendungsfall der Rechtferti- gungsordnung anzusehen, das sich gegenüber den Rechtfertigungserwartungen beispielsweise der Ins- titution, der sozialpolitischen sowie der gesamtge- sellschaftlichen Rahmung zu verhalten hat. Daraus folgt, dass die Kritik den ursprünglich intendierten Anwendungskontext überschreitet und an system- bezogene gesamtgesellschaftliche (Re-)Produkti- onsprozesse von Ungleichheit zurückgebunden wird. Die vierte Dimension ‚ distanzierte Nähe‘ ergibt sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Konsequenzen humanitärer Krisen, in der die Pro- blematisierung der Fragilität menschlicher Unver- sehrtheit einen zentralen Stellenwert einnimmt (Gasper 2008; Nussbaum 2010, 273 ff.). Topoi menschlichen Leidens gehören in dieser Auseinan- dersetzung um die Grenzen und Möglichkeiten der Vermeidung sozial erzeugten Leidens zum öffentli- chen und akademischen Vokabular einer konflikt­ reichen Welt, die immer weiter zusammenwächst und in der die Grenzen zwischen einem ‚Wir‘ und den ‚Anderen‘ (Benhabib 2002, 24 ff.) zunehmend aufweichen (Chouliaraki 2008, 329 ff.; Butler, 2010; Höijer 2004, 513 f.). Die Dimension ‚dis- tanzierte Nähe‘ ist direkt mit der Figur des Ande- ren, dessen gesellschaftlicher Situierung und den daraus resultierenden Anerkennungsverhältnissen verknüpft. Dieses Verhältnis drückt sich für die Akteure / Akteurinnen der Sozialen Arbeit im je- weils konkreten Arbeitsbündnis aus. Die sozial- geografischen, politischen und kulturellen Arenen, in denen die Faktoren Distanz und Nähe für die Soziale Arbeit relevant werden, lassen sich dabei auf einer abstrakteren Makroebene verorten – wie auch auf einer konkreten Interaktionsebene. Auf der Makroebene bedeutet dies geografische Distan- ziertheit und / oder kulturelle Distinktion, auf der Interaktionsebene die Wahrnehmung konkreter Anderer und Konfrontation mit deren Bedürfnis- sen und Ansprüchen. Distanzierte Nähe zielt auf das Verhältnis zwischen Leiden und Betrachtung ab: Konkretisiert in menschlichen Beziehungen geht es um die Differenz zwischen der Person, die Leiden konkret erfährt und erlebt, und der Person, die nicht leidet, vielmehr diese Erfahrung vermit- telt wahrnehmen kann (Lévinas 2008; Moebius 2003). Diese grundlegende Differenz bedeutet ver- schiedene Bedeutungszuschreibungen und unter- schiedliches Antwortverhalten auf die direkte bzw. indirekte Konfrontation mit Leid. Unter den Be- dingungen distanzierter Nähe kommt den Media- tionsprozessen eine hohe Bedeutung zu, wenn so­ ziales Leiden dargestellt wird. In Bezug auf distanziertes Leiden steht dabei häufig die Frage im Vordergrund, welches Leiden überhaupt als rele- vant erscheint, um in den Fokus des Interesses zu rücken (Ritter 2005; Holzer 2008; Wilkinson 2010). Luc Boltanski (1999) geht in seiner Studie zum Verhältnis von distanziertem Leiden und Mo- ral- /Medienpolitiken ebenfalls auf die jeweiligen gesellschaftlichen Rechtfertigungsaspekte für diese Beurteilung ein und beleuchtet die Frage, wie die moralische Basis von voneinander distanzierten Subjekten beschaffen sein muss bzw. sein sollte, da- mit ein distanziertes (Mit-)Leiden und ein Engage- ment im Hinblick auf Leidensbeseitigung möglich ist (Frakes 2010). Als Resümee der begrifflichen Annäherung ist sozi- ales Leiden als spezifische Form menschlichen Lei- dens zu definieren, welches in seiner Phänomen- struktur gekennzeichnet ist a) durch seine direkte

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