Handbuch 5. Auflage
Leid(en) 955 Interdependenz zwischen individuellem menschli- chem Erleben und Erfahren und sozial erzeugten, gesellschaftlichen Bedingungen b) durch die Mög- lichkeit der beteiligten Akteure zum kritischen Urteil über die leidens(re-)produzierenden Bedin- gungen und Mechanismen sowie c) durch die Ab- hängigkeit der (Leidens-)Bewertung / -Rezeption von gesellschaftlichen Werte- und Normkonventio- nen. Markiert wird diese Definition durch die Iden- tifikation vier zentraler Dimensionen, die zueinan- der in reziprokem Verhältnis stehen. Soziales Leiden in der Gesellschaft: Zwischen Wahrnehmung und Rahmung Je nach sozio-kulturellem Praxis- oder Handlungs- zusammenhang kann das Verstehen von sozialem Leiden und die Antwort auf soziales Leiden diver- gieren – eine Reaktion der Barmherzigkeit oder des Mitleidens ist demnach nicht zwangsläufig bzw. auch nicht immer im Sinne eines befähigen- den Interaktionsprozesses konstruktiv, sondern hängt vielmehr von spezifischen Konfigurationen der vier Kerndimensionen ab. Dies trifft auch für professionelle Soziale Arbeit zu: Im Folgenden werden die Problematiken und Varianzen mögli- cher Leidensverständnisse anhand eines kursori- schen Überblicks auf das sozialarbeiterische Hand- lungsfeld mit vulnerablem Klientel sowie auf das Verhältnis von Arbeitswelt und sozialpolitischer Rahmung erfasst. Vulnerables Klientel Empirische Arbeiten in sozialen Dienstleistungen und spezifischen Leidenszusammenhängen lassen sich in den letzten zehn Jahren vermehrt ausfindig machen (Charlesworth 2005), wie überhaupt eine stärkere Einbeziehung der Leidenswahrnehmung im Arbeitsfeld personenbezogener sozialer Dienste und ihrer Institutionen zu verzeichnen ist (Bowles 2005; Balluseck 2003). So führen Bengtsson-Tops et al. (2009) in ihrer Studie aus, inwiefern Einstel- lungen und Haltungen von Mitarbeitern /Mitar- beiterinnen in wohlfahrtsstaatlichen Sicherungs- systemen, die mit einem besonders vulnerablen Klientel arbeiten – im Fall der Studie psychisch kranke Frauen, welche Opfer sexueller oder sexu- alisierter Gewalt geworden waren –, mit diesen Arbeitserfahrungen korrespondieren und wiede- rum in das Arbeitsbündnis einfließen. Dabei geht Abb. 1: Vier Dimensionen sozialen Leidens Soziales Leiden als sozialer Tatbestand Soziales Leiden und die Bedeutung von ‚distanzierter Nähe‘ Soziales Leiden und dessen normative Verortung Soziales Leiden und dessen Kritik Soziales Leiden (von x an y)
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