Handbuch 5. Auflage

956 Koch / Reusch  es explizit um die Verbalisierung von Leidenser- fahrungen von einer kontextsensiblen Warte her- aus, wie sie die Dimension 1 und die Dimension 2 markieren. Allerdings wird auch in diesem Fall nur eine vage Begriffsbestimmung von Leiden und eine Differenzierung zwischen sozialem (ins- titutionellem) und personalem psychischem Lei- den vorgenommen. Als ein weiteres Handlungs- feld, das durch eine hochgradig vulnerable und durch das Phänomen distanzierter Nähe (Dimen- sion 4) geprägte Adressat(inn)engruppe charakte- risierbar ist, erweist sich die Flüchtlingsarbeit im Rahmen der Sozialen Arbeit. Savy und Sawyer (2008, 84 ff.) entfalten in ihrer Studie ein Spekt- rum von Leidensphänomenen, in dem unter- schiedliche, in psychiatrischen Begutachtungen manifestierte Narrative von Leidenserfahrungen irakischer Flüchtlinge dargestellt und systemati- siert werden. Dies geschieht mit dem Ziel, eine basale Leidenstypologie im Rahmen von sozialar- beiterischer Flüchtlingsarbeit zu elaborieren. Gavranidou et al. (2008) haben eine der wenigen Studien vorgelegt, die explizit spezifische Aus- drucksformen von Leiden thematisiert, und zwar konkret die traumatischen Erfahrungen und psy- chischen Belastungen von heranwachsenden Flüchtlingen. Die Autoren differenzieren zwischen zwei Varianten von Stressoren im Krieg, auf der Flucht, im Exil und jeweils rahmenden sozialen Faktoren: erstens Leiden, das direkt aus dem Krieg resultiert (darunter fallen Ereignisse wie Angst um die Familie, Angriffe, Zeuge von Tod und Miss- handlung und die eigenen Fluchterlebnisse) und zweitens indirekt aus Kriegseindrücken erfahrene Leiden wie die gesellschaftlichen Belastungen im Exil und familiäre Belastungen durch und im Exil wie Anerkennungsdefizite durch Diskriminierungs­ erfahrungen oder Parentifizierungseffekte durch die Übernahme der elterlichen Behördenpflichten. Neoliberalismus und Arbeitswelt Die Radikalisierung neoklassischer ökonomischer Ansätze zu neoliberalen Strategien, Deutungsmus- tern und Bewertungsschemata auf der Basis einer verallgemeinerten Marktlogik führt, zumindest in den sog. westlichen Industriestaaten, zu Transfor- mationen in jeglichen gesellschaftlichen Sphären, insbesondere in der Arbeitswelt (Dörre et al. 2012). Historisch betrachtet ist der Sozialstaat ein instituti- onelles Arrangement gesellschaftlicher Krisenbear- beitung. Krisen werden in ordnungspolitischer Ab- sicht als soziale Probleme klassifiziert und damit nicht vorrangig als soziales Leiden, das durch gesell- schaftliche Prekarisierungs- und Ordnungsdynami- ken marktwirtschaftlicher Prozesse verursacht ist. Den sozialpolitischen Programmatiken liegt eine historisch gewachsene dezidierte Erwerbsarbeitszen- trierung zugrunde (Castel 2000; 2005). Diese erfor- dert in neoliberaler Deutung, soziale Problemlagen zu bearbeiten, die vom Individuum Responsibilität, Aktivität und Kalkulation (u. a. Ehrenberg 2000; 2004) einfordert und Transferleistungen als staatli- che Investitionen begreift. Innerhalb der Arbeitswelt und der Erwerbsarbeitsverhältnisse, die nach wie vor den wesentlichen identitäts- und sinnstiftenden Charakter für Individuen besitzen (Erwerbsarbeit als Conditio sine qua non), bedeuten die neolibera- len Transformationen u. a. die Prekarisierung von Produktionsbedingungen, die Aufweichung sozialer und damit solidarischer Versicherungssysteme bis hin zu deren Auflösung sowie die Überflüssigkeit von Arbeitskraft (Castel / Dörre 2009; Castel 2011). Diese Entsolidarisierung der Bewältigung arbeitsbe- zogener Nachteile kann als Aspekt eines veränder- ten Vermittlungsmechanismus distanzierter Nähe betrachtet werden. Die Signifikanz des Leidens konkreter Arbeitskolleg(inn)en wird potenziell ab- erkannt, weil sich die ideologische Erwartungshal- tung festsetzt, sich in der wettbewerbsbezogenen Arbeitswelt als Individuum durchsetzen können zu müssen. Es handelt sich um eine internalisierte Konkurrenzlogik, die gerade in den Konsequenzen der Arbeitslosigkeit oder der prekären Erwerbsarbeit diverse Erscheinungsformen von Leiden hervorruft. So lassen sich die Folgen psychischen und gesund- heitlichen Leidens sowie der Verlust gesellschaftli- cher Anerkennung, Resignation, Desperation und Reduktion des Selbstwertes wie auch materielle De- privation feststellen. Der empirische Zugang in den Sozialwissenschaften zu Leidenskonstellationen in der Arbeitswelt folgt historisch betrachtet ganz un- terschiedlicher Intention. So ist es Max Weber (1924a; 1924b), der im beginnenden 20. Jahrhun- dert die Zweckrationalisierung von Leiden aufgreift mit dem Ziel einer „sachliche[n] und objektive[n] Feststellung von Tatsachen“ (1924a, 2) hinsichtlich der wechselseitigen Beeinflussung von industrieller Modernisierung einerseits und Lebensführungs-

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