Handbuch 5. Auflage

964 Maaser  Verdienstchancen und eingebettet in die These der universalen Bildungsfähigkeit jedes Menschen trägt der berufliche Leistungsgedanke zur Emanzipation des Bürgertums bei. Die Leistungsidee steht hier im Dienste allgemeiner, sich universalisierender Entfaltungs- und Verwirklichungschancen der Menschen. Heutzutage soll die Schule einerseits in der Tradi- tion des Humboldtschen Ideals die Allgemeinbil- dung verfolgen, andererseits arbeitet sie mit Leis- tungsbewertungen, die vor dem Hintergrund des fundamentalen Bildungsbegriffs der kritischen Re- flexion bedürfen. Die im Humboldtschen Bil- dungsideal angestrebten Prozesse der Selbstbildung entziehen sich als geistige Prozesse weitgehend ei- nem ergebnisorientierten Leistungsbegriff; hier ist in erster Linie der Weg das Ziel. Ab den 1960er Jahren führte die Kritik an der Verengung auf ma- teriale Bildungsinhalte – Wissen, das Schüler ler- nen müssen – zur Wiederbelebung, Erweiterung undTransformation des Humboldtschen Bildungs- begriffs (Klafki 1964). Das klassische Bildungsideal wurde reformuliert: Selbstbestimmungs-, Mit- bestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit sowie Ur- teils- und Gestaltungsfähigkeit rückten als zu ent- wickelnde Vermögen in den Mittelpunkt pädagogischer Ziele. Im schulischen Kontext er- fuhr das konkurrenzorientierte Leistungsprinzip daher Kritik. Dagegen zogen kooperative Dimen- sionen der Leistungserstellung die Aufmerksamkeit auf sich. Die Prozessorientierung im Leistungsver- ständnis gewann an Bedeutung, die bloße Ergeb- nisorientierung wurde relativiert. Die 1960er Jahre akzentuierten die gesamtgesellschaftliche Bedeu- tung von Bildungsprozessen. Leistung und Humankapital Während Humboldt die Wirkung der Bildung auf die Leistungsfähigkeit im Beruf im Blick hatte, liegt umgekehrt auch ein Blick aus wirtschaftlicher Per- spektive auf die Bildung nahe. Die ökonomische Theorie nimmt den Zusammenhang zwischen der Bildung und der Leistungsfähigkeit der Arbeits- kräfte sowie der betrieblichen Produktivität in den Blick. „Education helped to increase the productive capacity of workers in the same way as the purchase of new machi- nery or other forms of physical capital increased the pro- ductive capacity of a factory or other enterprise.“ (Wood- hall 1995, 21) Bildung erscheint daher in den sich daran anschlie- ßenden Theorietraditionen eher als Werkzeug für die Wirtschaft. Gary Becker u. a. (Becker 1993; Schultz 1986) ent- wickeln die von Adam Smith (1723–1790) entfal- tete wirtschaftliche Perspektive zu einer Theorie des Humankapitals. IhreTheorie analysiert dieWirkung immaterieller Bildungsprozesse auf die Arbeitspro- duktivität. Die in Bildungsprozessen erworbenen Wissensbestände, die Fähigkeiten, der Erfindungs- reichtum und die Kreativität werden im Hinblick auf ihre betriebswirtschaftliche und volkswirtschaft- liche Leistungsfähigkeit betrachtet und bewertet. Was leistet Bildung zur Steigerung des Unterneh- mensgewinns, zur Steigerung der Arbeitsproduktivi- tät und zum internationalen Wettbewerb? Der ar- beitende Mensch und seine vielfältigen Vermögen tragen zum langfristigen Unternehmenserfolg bei. Der Humankapitalansatz überträgt gleichzeitig die ökonomische Betrachtungsweise auf alle Be- reiche der Gesellschaft. Die Ausweitung dieser Theorie auf alle Lebensbereiche – ihr nicht ab- wertend gemeinter sog. ökonomischer Imperialis- mus (Pies / Leschke 1998) – bezieht sich nicht bloß auf die zentralen materiellen Ressourcen. Das Konzept versteht sich vielmehr als eine Art uni- versal anwendbare Theorie zur Erklärung und zum Verstehen menschlichen Verhaltens, die die Ver- haltensweisen und Verhaltensmodi aller mensch- lichen Bereiche ökonomisch durchdenkt. Gegen- stand ist das durchschnittliche Verhalten der Menschen; grundlegende anthropologische We- sensbestimmungen werden dabei scheinbar nicht geltend gemacht (sog. Als-ob-Anthropologie). Die Erklärungsreichweite ähnelt der Theorie des Homo oeconomicus (Brieskorn /Wallacher 1998), die durchschnittliche, für wirtschaftliche Inter- aktionen bedeutsame Verhaltensanreize verdeut- licht. Die Humankapitaltheorie entwickelt diesen Ansatz jedoch weiter und radikalisiert ihn: Der Mensch geht nicht nur rationale, für ihn günstige Vereinbarungen ein, sondern er versteht sein ge- samtes Verhalten als Input, in dem er seine knap- pen Ressourcen, insbesondere seine Zeit, möglichst effizient einsetzt. Sein Ziel ist ein Höchstmaß an Befriedigung. Er verfolgt stets mit knappen Mit-

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