Handbuch 5. Auflage
Leistung 965 teln konkurrierende Ziele. Nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern in allen Lebenssphären verfolgt er seine individuelle Nutzenmaximierung. Die Formen der Befriedigung sind für den zu- nächst deskriptiven Anspruch der Theorie irrele- vant. Als Erklärungsmodell billigt sie jedem die Maximierung der Befriedigung zu, „so wie er sie sieht […] ob er nun egoistisch, altruistisch, loyal, boshaft oder masochistisch ist“ (Becker 1996, 22). Ähnlich wie in Homo-oeconomicus-Theorien wird die nutzenmaximierende Handlungsorientierung der Menschen am effektivsten durch einen Markt koordiniert. Folglich gibt es einen Heiratsmarkt, einen Bildungsmarkt etc.…, auf denen die Men- schen ihre subjektiven Wünsche koordinieren und befriedigen. Die Humankapitaltheorie trägt damit die strittige Annahme vom Markt als einen hinrei- chenden, allumfassenden und leistungsfähigen Koordinierungsmechanismus in alle gesellschaftli- chen Bereiche ein und überträgt sie auf mensch- liche Handlungen überhaupt. Ähnlich wie die Homo-oeconomicus-Theorie geht die Humankapitaltheorie davon aus, dass Menschen sich durch rationale Entscheidungen steuern. Im Beispiel: Das Rauchen und die mangelnde Bewe- gung werden als Ergebnis einer Entscheidung – bzw. vieler kleiner Entscheidungen – verstanden; ein Mensch raucht und bewegt sich deshalb nicht, „weil die zu gewinnende Lebensspanne für ihn die Kosten des Verzichts auf das Rauchen oder der intensiven Arbeit nicht aufwiegt“ (Becker 1993, 9). In derarti- gen Souveränitätsunterstellungen verliert die Theo- rie offensichtlich den Kontakt zur Komplexität des durchschnittlichen Verhaltens, das sie zu erklären beansprucht. Die ökonomische Sicht der vielfältigen menschlichen Vermögen als Humankapital, die an- genommene Leistungsfähigkeit des Marktes und der Reduktionismus der pragmatisch-empirischen An- thropologie führen insgesamt dazu, den Koordinie- rungsmechanismus Markt und seine Leistungskrite- rien in alle Lebensbereiche hineinzutragen. Die reduktionistische Beschreibung des Faktischen wird damit unversehens zur normativen Handlungsemp- fehlung für die Politik und entfaltet normative Kraft. „Der ökonomische Ansatz identifiziert sie [die Menschen, Anm. v.W.M.] immer schon als jene nutzenmaximierende Marktsubjekte, zu denen sie erst gemacht werden und sich selbst machen sollen.“ (Bröckling 2007, 90) Probleme, die die Marktsteuerung selbst hervor- bringt, werden als Probleme wahrgenommen, die nur deshalb entstehen, weil es noch keinen all- umfassenden effektiven Markt in den unterschied- lichen Bereichen gibt. In Gestaltungsfragen ent- wickelt sich der zunächst deskriptive Charakter der Theorie unversehens zur realitätsgemäßen Sollens- vorstellung. Die Humankapitaltheorie liefert Kriterien für die ökonomische Verwertbarkeit wirtschaftsfremder Prozesslogiken und lässt die organisatorische Im- plementierung wirtschaftlicher Leistungskriterien in andere Bereiche als folgerichtig erscheinen. Im Ergebnis wird der Eigensinn anderer Lebenssphä- ren dem Primat einer allumfassenden ökonomi- schen Handlungslogik unter- und nachgeordnet. Dies besitzt nachhaltige Folgen für das Leistungs- verständnis insgesamt, da die Unterordnung auch für kontextspezifische Leistungskriterien und Ziele gilt. Bereichsspezifische Leistungskriterien spielen dann nur noch eine untergeordnete Rolle. Damit transformieren sich die drei leistungsdefinierenden Strukturelemente (Vermögen, Bereich, Ziel) und das gesamte Leistungsverständnis: Die mensch- lichen Vermögen, die klassischen Hierarchiekon- zeptionen und die prioritätensetzenden Zuord- nungen der Vermögen werden auf die empirischen Wünsche des Durchschnitts reduziert. Evaluative Aussagen darüber, welche menschlichen Fähigkei- ten eine Entfaltung und Entwicklung verdienen und welche nicht, entfallen. Ob der Mensch es vor- zieht, im Sinne von Mill (s. o.) ein zufriedenes Schwein oder ein unzufriedener Sokrates zu sein, lässt sich daher nicht entscheiden und bleibt der privaten Orientierung des Einzelnen überlassen, die er vertragstheoretisch mit anderen abgleichen muss. Wenn es jedoch keinen Konsens mehr über entfaltungswürdige und zur optimalen Entfaltung zu bringende Vermögen gibt, können aus der Logik dieses Ansatzes heraus keine eigenwertigen Ziele und Gütekriterien mehr entwickelt und in ent- sprechenden Bereichen als spezifische Leistungs- parameter geltend gemacht werden. Als kleinster gemeinsamer Nenner erweisen sich dann die Leis- tungskriterien der ökonomischen Effizienz und Effektivität. Denn Markt und Nutzenmaximierung gelten als realitätsgemäße, dem – zuvor in der An- thropologie entwickelten – „Wesen“ des Menschen entsprechende Gestaltungsprinzipien aller Lebens- bereiche.
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