Handbuch 5. Auflage

966 Maaser  Staatliche Interventionen und Rahmenbedingun- gen erscheinen vor diesem Hintergrund als Effi- zienzhindernisse. Dabei gehört es zu den zentralen normativen Staatsaufgaben, den Eigensinn unter- schiedlicher gesellschaftlicher Teilbereiche und ihre spezifischen Prozesslogiken zu erhalten. Rahmen- setzungen sollen die jeweiligen Bereiche mit ent- sprechenden Entfaltungsmöglichkeiten und Fähig- keiten in ihrer Eigentümlichkeit ermöglichen, fördern und bewahren (Walzer 1994): Die Familie und ihre Verwirklichungsmuster sollen nicht blo- ßen ökonomischen Zwängen unterworfen sein und durch sie verformt werden; Bildung und Aus- bildung sollen nicht von ökonomisch determinier- ten Zugangsmöglichkeiten abhängig sein; in recht- lichen Verfahren soll das Urteil unter Absehung der Person, ihres gesellschaftlichen Standes und ihres Reichtums erfolgen etc. Die politisch gesteuerte Aufrechterhaltung derartiger Systemgrenzen be- inhaltet die Ermöglichung kontextspezifischer Ziele und Leistungsstandards sowie eine bereichs- orientierte Entfaltung unterschiedlicher Vermögen. Dies impliziert auch die Steuerung des differen- zierten Zusammenspiels und der notwendigen Spannungen zwischen unterschiedlichen Sphären, ohne dass es zu einseitigen Dominanzen kommt. Demgegenüber verwischt die schleichende Über- nahme oder eine allseitig propagierte Anwendung wirtschaftlicher Leistungskriterien die Differenzie- rung in unterschiedliche Bereiche. Wenn die für die jeweiligen Bereiche notwendige Ressourcen- zuweisung von diesen Leistungskriterien abhängig gemacht wird, werden auf lange Sicht die Eigenlo- giken dem Marktmechanismus unterworfen. In der Folge entwickeln sich alternative kulturelle Leitvorstellungen, die das Grundmuster des Homo oeconomicus zur zentralen anthropologischen Vor- stellung eines Arbeitskraftunternehmers bzw. zum unternehmerischen Selbst (Bröckling 2007; Pon- gratz /Voß 2003) weiterentwickeln. Transformiert in reformpolitische Leitbilder (Maaser 2009) gel- ten sie als erstrebenswerte Aneignungsmuster für gelingendes Leben und werden damit zu Subjekti- vierungsformen, die sich Menschen zu eigen ma- chen. Der Unternehmer wird zum Leistungsvor- bild aller Lebensbereiche. Eine solche kulturelle Leitvorstellung fördert insgesamt die allseitige Im- plementierung wirtschaftlicher Leistungskriterien und zwingt Organisationen, darauf zu reagieren. Sie sind permanent damit beschäftigt, ihre kon- textspezifischen Leistungskriterien mit wirtschaft- lichen Leistungskriterien abzugleichen, zu synthe- tisieren oder sich ihnen zu unterwerfen. Besonders die bereichsspezifische Professionalität ist hier he- rausgefordert, ihren fachlich begründeten Leis- tungs- und Qualitätsbegriff sowie ihre normative Zielvorstellung zu explizieren, zu vertreten und öffentlich geltend zu machen. Leistung, Arbeit und Gerechtigkeit Alltagsvorstellungen von Leistung hängen eng mit dem Begriff der Arbeit und des Verdienstes zusam- men. Bereits dies verweist auf die Dominanz wirt- schaftlicher Dimensionen im heutigen Leistungs- verständnis. Der allgemeine Sprachgebrauch versteht „arbeiten“ als „etwas herstellen“, „etwas erreichen“ und „etwas leisten“ (Kocka 2008). In der Antike war der Begriff der Leistung (siehe unter „Begriff“) nicht mit dem Arbeiten verknüpft. Ar- beit als Herstellung spielte nur eine sehr unterge- ordnete Rolle und galt als Tätigkeit der Unfreien (Arendt 2008, 100 f.). Sie wurde daher nicht mit den für das menschliche Leben zentral erachteten Fähigkeiten verknüpft. Es galt vor allem, die theo- retischen Anlagen und die politisch-praktischen Fähigkeiten zur Höchstform zu entwickeln. Gegenüber diesen Fähigkeiten gewann die Arbeit erst ab der frühen Neuzeit für die Entfaltung menschlicher Vermögen eine zentralere, auf lange Sicht übergeordnete Bedeutung. Das Besondere des menschlichen Seins und seine Überlegenheit zeigte sich nun in der zweckorientierten, prakti- schen Bearbeitung der Natur. Die hierarchische Ordnung von zweckfreiem, theoretischem Leben (vita contemplativa) und praktisch orientiertem Handeln (vita activa) kehrte sich um (367 ff.) In- folgedessen erfuhr das Ideal theoretischer Selbst- verwirklichung eine Relativierung. Die Verwirk- lichung des menschlichen Wesens fokussierte sich zunehmend auf die praktische Entfaltung mensch- licher Fähigkeiten und die Bearbeitung der Natur. Arbeit entwickelte sich zum Medium der Selbst- verwirklichung und der Befreiung, zur „Bedin- gung des Stoffwechsels“ (Marx 1975, 198) von Mensch und Natur. Die zentrale Umwertung im Verständnis menschlicher Vermögen besitzt für den Leistungsbegriff maßgebliche Bedeutung. Denn diese praktische Form der Verwirklichung

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=