Handbuch 5. Auflage
Lernen 973 nen. Was in der Person dabei vor sich geht, ist nicht objektiv registrierbar und messbar, weshalb man die Person selbst als „black box“ behandelte, auf die „Stimuli“ einwirken und die darauf mit „Respon- ses“ antwortet. Entsprechende Theorien beschäfti- gen sich vor allem mit funktionalen Analysen (Skinner 1963); es wird nach den äußeren Bedin- gungen gesucht, von denen ein bestimmtes Ver- halten abhängt, das Verhalten wird als Funktion dieser Bedingungen erklärt. In den Gesetzen sol- cher Theorien werden die Zusammenhänge zwi- schen äußeren Bedingungen und individuellem Verhalten erfasst. Die Tatsache, dass Lernen in diesen Theorien nach mechanistischen Regeln abläuft, die überwiegend in Lernexperimenten mit Tieren entwickelt und er- probt wurden, hat in der Pädagogik große Vor- behalte ausgelöst. Die Erklärungsansätze stoßen an ihre Grenzen, wenn man damit autonomes, selbst- bestimmtes Lernen begründen möchte, doch darf man nicht übersehen, dass auch beim Menschen elementare Lernprozesse nach den Assoziations- gesetzen dieser Theorien ablaufen, gelegentlich auch als unerwünschte und unbemerkte Neben- wirkung pädagogischer Maßnahmen. Drei Verknüpfungsmuster wurden besonders er- forscht: 1. die Substitution des Stimulus in einer vorhandenen S-R-Verknüpfung, 2. die direkte Koppelung von S und R sowie 3. die Veränderung der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhal- tens aufgrund der dem Verhalten folgenden Ände- rungen in der Umwelt, also veränderter Stimula- tion (Abb. 1). Klassisches Konditionieren durch Stimulus-Substitution: Der Organismus verfügt über zahlreiche Reflexe, mit denen er sich rasch auf die Verhältnisse in der Umwelt einstellen kann. Viele dieser S-R-Zusam- menhänge sind angeboren; der Organismus ist so gebaut, dass bestimmte Stimulierungen, z. B. ein Schmerzreiz, ganz bestimmte Reaktionen auslösen, z. B. Muskelkontraktion um der Einwirkung zu entkommen. Solche natürlichen, unkonditionier- ten Reflexe können durch Erfahrung verändert werden. Der russische Physiologe Pawlow beobachtete an seinen Versuchs-Hunden, dass sie bereits Speichel absonderten, ehe sie Futter ins Maul bekamen. Er ließ nun auf seine Versuchstiere neben dem natür- lichen oder unkonditionierten Stimulus „Futter“ einen beliebigen anderen Stimulus einwirken, z. B. das Läuten einer Klingel. Nach mehrfacher Wie- derholung der Koppelung beider Stimuli wurde die Speichelsekretion allein durch das Klingeln aus- gelöst. Der unkonditionierte Stimulus „Futter“ kann also im Reflexgeschehen durch den konditio- nierten weitgehend ersetzt werden (Pawlow 1960). Mit der Theorie des klassischen Konditionierens lässt sich nicht erklären, wie neue Reaktionen auf- treten, aber der Erwerb neuer Auslöser für vorhan- dene Reaktionen. Die Furchtreaktion, aber auch andere emotionale Reaktionen, wie Zufriedenheit, Wohlbehagen, Entspanntheit können konditio- niert werden. In der Erziehung gibt es viele Bei- spiele dafür, wie zunächst neutrale Stimuli, etwa Mathematikaufgaben, die zusammen mit Anspan- nung, Stress oder gar Furcht auslösenden Stimuli auftraten, bald allein Stress oder Furcht erregen. Beim Menschen können nicht nur einfache, physi- kalisch definierbare Ereignisse wie Geräusche oder Lichtsignale mit den bereits vorhandenen Aus- lösern einer Reaktion gekoppelt werden, sondern auch Wörter, bestimmte Objekte (z. B. National- flagge, kultische Symbole, Spinnen, Schlangen), Berührungen usw. ersetzen nach mehrfacher Kop- pelung unkonditionierte Stimuli und lösen ähn- liche Reaktionen wie diese aus. S S R S (1) (2) (3) Abb. 1: Lernen durch Stimulus-Response-Verknüpfungen
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