Handbuch 5. Auflage

974 Huber  Kontiguitätstheorie: Lernen durch Koppelung von Stimulus und Reaktion In der Lerntheorie von Guthrie (1959) ist das Assoziationsprinzip allein Grundlage für Verhal- tensänderungen. Jeder Stimulus, der in dem Zeit- raum auf ein Lebewesen einwirkt, in dem es ge- rade ein bestimmtes Verhalten ausübt, kann später Auslöser dieses Verhaltens werden. Diese Kon- tiguität ist zwar notwendig, sie reicht aber nicht hin, um Lernen zu stiften. Oder anders: Es wird nicht automatisch jeder beliebige Stimulus mit jeder beliebigen Response gekoppelt. Die Auf- merksamkeit des Individuums ist nur auf einige der vielen Stimuli gerichtet, die sein Verhalten be- gleiten; nur was das Individuum während seines Verhaltens bemerkt, kann als Stimulus wirken. Der Bereich der Verhaltensweisen, die mit Stimuli verknüpft werden könnten, ist ebenfalls be- schränkt, und zwar durch das gerade ablaufende Verhalten selbst. Daraus folgt, dass man nur das lernt, was man tut: Ein Schüler oder Student, der sich während eines Vortrages nur umfangreiche Notizen macht, wird lernen, rasch aufzuschreiben, was er hört – eben das, wozu der Vortrag ihn angeregt hat. Umgekehrt folgt Vergessen dem gleichen Assoziationsgesetz: Wenn die Stimuli, die bisher ein bestimmtes Ver- halten auslösten, nun auftreten während die Person gerade etwas anderes tut, kommt eine neue S-R- Verknüpfung zustande. Stimuli werden also immer mit den Responses ver- knüpft, die das Individuum während der Einwir- kung des Stimulus ausführt. Wie bringt man je- manden dazu, ein neues Verhalten zu zeigen, damit dieses Verhalten mit einem Stimulus verknüpft werden kann, der später dieses neue Verhalten aus- lösen soll? Operantes Konditionieren: Koppelung von Verhalten und Verhaltenskonsequenzen Thorndike (1913 / 1964) formulierte im „Gesetz des Effekts“, dass jene Verhaltensweisen mit grö- ßerer Wahrscheinlichkeit wiederholt werden, die zu positiven Konsequenzen für eine Person füh- ren, beispielsweise zu Belohnung oder Lob. Posi- tiv oder befriedigend ist ein auf das Verhalten folgender Zustand, wenn die Person ihn nicht zu vermeiden oder sogar herbeizuführen oder auf- recht zu erhalten versucht. Es geht also nicht um eine mechanische Auslösung von Verhalten durch Stimuli im Sinne von Ursa- che-Wirkungs-Verknüpfungen, sondern um die Wirkungen des Verhaltens auf die Umwelt. Diesen Aspekt griff Skinner (1963) auf und untersuchte, wie Verhalten und Veränderung der Umwelt funk- tional zusammenhängen, insbesondere wie die Konsequenzen eines Verhaltens in den Organismus „rückgekoppelt“ werden. „Lernen“ bedeutet hier, dass die Konsequenzen des Verhaltens es wahr- scheinlicher machen, dass dieses Verhalten künftig wieder ausgeführt wird. Das Rückkoppeln wird bei Skinner als Verstärkung bezeichnet. Ein nachfolgender Stimulus kann für das vorausgehende Verhalten verstärkend wirken. Oder anders: Ein dem Verhalten folgender Stimulus kann ein Verstärker sein und die Wahrscheinlichkeit für das Wiederauftreten des vorausgegangenen Ver- haltens erhöhen. Dieses Erklärungskonstrukt wirft zwei zentrale pädagogische Fragen auf, nämlich zum einen, welche Stimuli als Verstärker wirken sowie zum anderen, ob und wie man beeinflussen kann, dass jenes Verhalten auftritt, das man anschließend verstärken möchte. Was die Verstärker betrifft, unterscheidet Skinner nach der Art der Einflussnahme positive und nega- tive Verstärker: Die ersten erhöhen die Wahr- scheinlichkeit eines zuvor geäußerten Verhaltens, wenn sie nachfolgend der Situation hinzugefügt werden, die zweiten wenn sie nach dem Verhalten aus der Lernsituation weggenommen werden. Lob oder Punkte für gute Leistungen zu vergeben, wä- ren positive Verstärker, Strafandrohungen für schlechte Leistungen wegfallen zu lassen, wäre ne- gative Verstärkung. Die Adjektive „positiv“ und „negativ“ dürfen nicht als Bewertung missverstan- den werden; es geht um die Richtung der Maß- nahmen. Werden positive Verstärker wieder weg- genommen, wird ebenso gestraft wie bei der Realisierung negativer Verstärker. Zum Problem des Erwerbs neuer Verhaltenswei- sen ist zunächst auch mit der Theorie des operan- ten Konditionierens nur erklärbar, wie in einer bestimmten Situation eine bereits verfügbare Ver- haltensweise hohe Wahrscheinlichkeit für das Wiederauftreten erhält, eben durch den Verstär- kungsmechanismus. Wie aber lernt man Auto

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