Handbuch 5. Auflage

Lernen 975 fahren oder die Fläche eines Rechtecks berechnen, wenn man bisher nicht über entsprechendes Ver- halten verfügte? Man bedient sich dazu einer Technik, die Skinner Verhaltensformung nennt. Dabei werden zwei Prinzipien angewandt: Man verstärkt schon die allmähliche Annäherung an das Zielverhalten und man steigert die Bedingungen für die Verstärkung immer mehr, d. h. es wird diffe- rentiell verstärkt . Dadurch erreicht man, dass die weniger vollkommenen Verhaltensweisen aus- löschen, weil sie im weiteren Verlauf unverstärkt bleiben. Erklärungen des Lernens durch kognitive Prozesse Kognitive Theorien des Lernens versuchen auf- zuklären, aufgrund welcher subjektiven Bedingun- gen die Lernenden ihr Verhalten ändern. Grund- sätzlich kann auch menschliches Verhalten durch äußere Kontiguitäten relativ dauerhaft verändert werden, doch muss man zunächst einmal berück- sichtigen, dass nicht alles, was in der Situation als Stimulus gegeben ist, von den Lernenden auch be- achtet wird. Menschen verarbeiten die Information aus ihrer Umwelt aktiv. Dabei spielen ihre Erfah- rungen, d. h. ihr Wissen um die Situation, ihre Er- wartungen, ihre Wertungen eine wichtige Rolle. Weiter sind Änderungen des beobachtbaren Ver- haltens nur Beweisstücke dafür, dass Lernen statt- gefunden hat. Gerade wichtige menschliche Lern- prozesse, etwa Einsicht in einen Zusammenhang gewinnen, positive oder negative Gefühle für oder gegen jemanden entwickeln usw., können aber auch zunächst ohne äußerlich beobachtbare Ver- haltensänderungen ablaufen. Wir müssen beim Lernen daher zwischen Prozessen der Aneignung und der Anwendung unterscheiden. Die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura (1976) geht entsprechend von der Annahme aus, dass man sich Verhalten symbolisch durch innere Verarbeitung von Information über Verhaltens- möglichkeiten aneignet, ehe man es ausführt. Da- bei spielt die Beobachtung von anderen Personen, die das gewünschte Verhalten bereits ausführen können, die entscheidende Rolle. Am Verhaltens- modell kann wahrgenommen werden, wie und in welcher Reihenfolge Verhaltenskomponenten ver- knüpft werden müssen und welche Konsequenzen dann eintreten. Lernen ist unter diesem Aspekt ein sozialer Prozess . Nun gilt aber für soziale Einflüsse wie für andere Einwirkungen von außen auch, dass wir sie nicht einfach abbildhaft übernehmen, son- dern dass wir die in ihnen enthaltene Information auswählen, deuten, ordnen, mit unseren Erfahrun- gen verknüpfen. Dies ist der kognitive Aspekt des Lernens. Die sozial-kognitive Theorie erklärt Ler- nen als ständiges Wechselspiel von sozialen Ein- flüssen, kognitiven Prozessen und natürlich auch Auswirkungen des eigenen Verhaltens. Bandura hat für den Ablauf des Beobachtungsler- nens vier miteinander verbundene Teilprozesse postuliert: die Aneignung fordert Aufmerksamkeit auf ein für die Person bedeutsames Modell und Speicherung seiner bedeutsamen Verhaltensweisen, die Anwendung setzt motorische Reproduktion des Verhaltens und Motivation voraus. Die Auf- merksamkeit des Beobachters ist abhängig von Merkmalen des Modells und des Beobachters selbst. Bevorzugt beobachtet werden jene Hand- lungen, die funktionalen Wert haben, d. h. mit denen das Modell erfolgreich verwirklicht, was man als seine Handlungsziele annimmt oder weiß. Auch die Darbietungsform (reales Verhalten, Me- diendarbietung, verbale Beschreibung) spielt eine wichtige Rolle. Bandura weist darauf hin, dass über den Bildschirm dargebotenes Modellverhalten so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass die Zu- schauer sich ganz nebenbei sehr viel davon aneig- nen, auch ohne ausdrückliche Lernabsicht. Für die Medienpädagogik und insbesondere ihre Position zur Mediengewalt stellt diese Theorie einen wichti- gen Ausgangspunkt dar. Damit später die gespeicherte Information abge- rufen und genutzt wird, müssen die zur Anwen- dung notwendigen Teilfertigkeiten verfügbar sein. Allerdings werden keineswegs alle beobachteten und gespeicherten Verhaltensmöglichkeiten reali- siert. Richtung, Form und Intensität des aktuali- sierten Verhaltens werden mitbestimmt durch Erwartungen über den Wert der Situationsände- rung, die auf das Verhalten folgen wird. Genau das versteht man unter „Motivation für ein be- stimmtes Handeln“ (Thomae 1965). Nach der sozial-kognitiven Lerntheorie entstehen motivie- rende Erwartungen durch Rückmeldungen aus der Umwelt auf das eigene Verhalten (externe Verstärkung), durch Beobachtung der Rückmel- dungen, die ein Modell für sein Verhalten aus der

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