Handbuch 5. Auflage
976 Huber Umwelt erhält (stellvertretende Verstärkung) und durch eigene bewertende Stellungnahmen („War das gut!“ „Schon wieder nichts!“) zum eigenen Verhalten (Selbstverstärkung). Erklärungen des Lernens durch konstruktive Prozesse Schon Thorndike (1913 / 1964) hatte in seinem Gesetz der Zusammengehörigkeit postuliert, dass Responses für die Lernenden zur Stimulussituation „gehören“ müssen, damit sie durch nachfolgende Stimuli verstärkt werden können. Im kognitiven Aspekt der sozial-kognitiven Lerntheorie wird fest- gestellt, dass Beobachter nicht auf beliebige Mo- delle und Verhaltensweisen achten, sondern sub- jektiv auswählen (s. o.). Wie ist zu erklären, dass man nur bestimmte Zusammenhänge wahrnimmt, erwartet, speichert? Diese Erklärung leistet die Auffassung vom Lernen als einem aktiven Prozess des Lernenden. Die Um- welt wird nicht einfach kognitiv abgebildet, son- dern die Person vermittelt in einem selbstregulato- rischen Prozess zwischen ihren bereits verfügbaren Erfahrungsstrukturen und den neuartigen Bedin- gungen, denen sie gegenübersteht. Mit Piaget (1947) unterscheiden wir zwei komplementäre Prozesse jeder informationsverarbeitenden Aktivi- tät: Der Mensch versucht bei seiner Orientierung und seinen Handlungen in der Welt auszubalan- cieren zwischen der Strukturierung der neuen In- formation gemäß bereits vorhandenen Mustern (Assimilation) und der Anpassung seiner kogniti- ven Schemata an die neuartigen Erfahrungen (Ak- kommodation). Außerdem ist bei diesen konstruktiven Prozessen zu berücksichtigen, dass zwar die Umwelt auf die Lernenden einwirkt, jedoch die Lernenden durch ihre neuartigen Handlungen umgekehrt die Um- welt nach eigenen Absichten verändern können. Person und Umwelt stehen in einer Wechselbezie- hung. Durch seine Lernprozesse wird der Mensch von konkreten äußeren Stimuli immer unabhängi- ger. Shuell (1986) hat die pädagogisch bedeutsamen Aspekte konstruktivistischer Erklärungen des Lernens in fünf Punkten zusammengefasst: Ler- nen, bei ihm vorzugsweise der Wissenserwerb, ist ein aktiver, selbst-regulierter, konstruktiver, situ- ierter und sozialer Prozess. Im Begriff des situier- ten Lernens wird erfasst, dass die Teilprozesse der Aneignung und Anwendung neuer Kenntnisse in der Lernsituation zusammenfallen sollten. Gefor- dert wird die „Kontextualisierung“ (Jonassen et al. 1993), d. h. das „Einfügen“ von Lernprozessen in spezifische Situationen, die es ermöglichen, sich Wissen in konkreten Handlungskontexten anzueignen. Erklärung des Lernens als sozio-historischer Prozess Wie andere kognitive Prozesse auch ist das Lernen keine ausschließlich individuelle Leistung, sondern schließt soziale Prozesse mit ein. Wygotski (1964) hat in seinem sozio-historischen Ansatz berück- sichtigt, dass die mentalen Funktionen des Men- schen im sozialen Austausch entstehen und zu ver- stehen sind. Dabei geht es nicht nur darum, Lernen als Interaktion von Erziehern und zu Erziehenden oder als Austausch zwischen den Mitgliedern von Kleingruppen zu untersuchen, vielmehr wird Ler- nen im Kontext umfassender sozialer Institutionen und kultureller Voraussetzungen erforscht. Wygotski formulierte als axiomatische Position, die „psychologische Natur des Menschen“ repräsen- tiere „das Aggregat internalisierter sozialer Bezie- hungen […], die für das Individuum zu Funktio- nen geworden sind und zu Formen seiner individuellen Struktur“ (nach Wertsch 1985, 58). Auch um Lernen zu erklären, muss man also zuerst herausfinden, „wie die individuelle Reaktion aus den Formen des Gemeinschaftslebens hervorgeht“ (nach Wertsch 1985, 59). Wygotski bestreitet nicht, dass Individuen auf der Basis ihrer eigenen kognitiven Prozesse am sozialen Geschehen betei- ligt sind und auch eingreifen können. Aus dieser Tatsache allein erschien es ihm jedoch unmöglich, soziale Prozesse zu erklären. Als zentrales Element für Lernen hat Wygotski das „allgemeine genetischen Gesetz der kulturel- len Entwicklung“ (nach Wertsch 1985, 60 f.) eingeführt. Danach tritt in der Entwicklung von Kindern jede Funktion zuerst als „interpsycholo- gische Kategorie“ zwischen Menschen auf, danach erst als „intrapsychologische Kategorie“. Natür- lich werden im Prozess der Verinnerlichung oder Internalisation die primär sozial-interaktiven Ka-
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