Handbuch 5. Auflage
986 Colla Entdeckung und des Umgangs mit dem eigenen Körper und mit dem des Anderen für die Heraus- bildung eines Körper-Selbst und einer Geschlecht- sidentität. Hinweise auf gesundes Leben werden gegeben. Die sexuelle Dimension von Liebe bleibt dagegen unreflektiert. Nicht selten wird pädago- gische Liebe in einer verkürzten Diskussion mit Pädophilie gleichgesetzt. Pädophilie ist aber ge- kennzeichnet durch die sexuelle Präferenz für vor- und frühpubertäre Kinder. Dabei geht es um eine besondere, oft ausschließliche (sexuelle) Erregung durch Kinder, die sowohl homo- als auch hetero- sexuell orientiert sein kann. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, F65.4) wird sie als Störung der Sexualpräferenz diagnostiziert (Hartmann 1999; Dilling et al. 2005). Zu den Abwehr- und Gefährdungsdiskur- sen in sozialpädagogischen Kontexten gehören nicht nur der Verdacht, sondern auch die Realität Missbrauchshandlungen, systematischer Ausnut- zung, Unterdrückung und Beschämung durch eine vorgebliche Liebe der professionell Erziehen- den gegenüber den ihnen Anvertrauten in Aus- nutzung ihrer Machtbefugnisse. Die Heimerziehung der 1950–1980er Jahre weist in Untersuchungen und autobiographischen Be- richten der jungen Menschen nach, dass in auto- ritärer Zeit in totalen Institutionen sich die Selbstverständnissicherung zurückzog auf einen „Verwahr- und Reparaturbetrieb“ mit der Folge, dass sich einzelne Gruppen oder ganze Einrich- tungen als „Orte der Lieblosigkeit“ (Kuhlmann 2008) darstellten. Nicht selten war dies in der Bundesrepublik und im westlichen Europa auch in jenen Einrichtungen der Fall, die sich der christlichen Liebestätigkeit verpflichtet fühlten. Die Möglichkeit eines Lebens im Wissen um Liebe wurde nicht wahrgenommen, der neutesta- mentarische Begriff von der göttlich-gnadenhaf- ten Agape war abhandengekommen oder schei- terte z. B. an den autoritären Strukturen starrer Hierarchien, Schichtdienst oder mangelnder Aus- bildung des Personals. Vergleichbare Kritik scheint auch noch heute im Bereich einiger Pra- xen der Altenarbeit und Altenpflege angebracht zu sein. Die Bedeutung der personalen Dimension Kasuistische Aussagen rekonstruieren die Bedeu- tung des Besonderen in den Jugendhilfeverläufen und der nachinstitutionellen Lebensgeschichte der jungen Menschen. „Die Erfahrung der Wirk- lichkeit“ (Thiersch 1986) aber ist nur bedingt verallgemeinerbar. Nachgängige Rekonstruktions- versuche sind in der Regel durch innere Prozesse wie Ängste oder Hoffnungen gestaltet: Mittei- lungen können überzeugend und damit authen- tisch wirken, obwohl sie in dem Moment viel- leicht nur Formen der Selbststilisierung eines widersprüchlichen, fragmentarischen und als ver- wirrend empfundenen Erlebnisprozesses darstel- len (Behnisch 2005). Sie beinhalten möglicher- weise auch die Verkennung erlebter pädagogischer Beziehungen, um das spätere, in der Biographie sich dokumentierende Scheitern zu kompensie- ren. Aus der subjektiven Beurteilung der erfahre- nen Hilfe durch konkrete Personen und aus ihrer Authentizität lässt sich jedoch eine Vielzahl von Einzelaspekten für die Gestaltung von Hilfepro- zessen gewinnen (Thiersch et al. 2006). Hier be- richten junge Menschen, die sich in ihrer Bio graphie mit den Angeboten von Jugendhilfe auseinandergesetzt haben – wenn sie denn über- haupt nach diesen Erfahrungen befragt werden –, in ihren Selbstzeugnissen überwiegend von der Bedeutung intersubjektiver Beziehungen, die für sie stets mehr als bloße Zweck-Mittel-Relationen waren. Sie thematisieren die Bedeutung von ge- lebter und erfahrener verlässlicher pädagogischer Beziehung als Besonderheit von sozialen Bezie- hungen mit Erwachsenen und ihrer aufmerk- samen Zuwendung. Dies war für sie gerade dann von besonderer Bedeutung, wenn ihre bisherige Lebenswelt mit ihren spezifischen Sozialisations- praxen durch sprach- und emotionsarme Inter- aktionssysteme der Solidarbeziehungen (Familie, Verwandtschaft, Zugehörigkeit zu sozialen Grup- pen) gestaltet wurde. Sie benötigen Sicherheit und Zeit, um ihre früheren Beziehungs- und Konflikterfahrungen prozesshaft aufzulösen und ihre starren Muster der Abwehr und des Selbst- schutzes aufzugeben. Sie sprechen über gelun- gene, aber auch über gescheiterte personenbezo- gene pädagogische Anerkennungsverhältnisse, die mehr waren als bloß verbal vermitteltes Normen-
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