Handbuch 5. Auflage

Liebe und Verantwortung 987 und Handlungswissen, vielmehr begegneten sie einer gelebten geistig-emotionalen pädagogischen Haltung. Die so erlebten Interaktionserfahrungen und Alltagspraktiken waren für sie oft ein not- wendiger Orientierungspunkt in Situationen ak- tueller Krisenbewältigung und legten „verschüt- tete“ Potenziale der jungen Menschen frei, stärkten das „Selbst“-Bewusstsein und trugen zur fortlaufenden Identitäts(um)bildung bei. Die jungen Menschen erlebten die Pädagogen in der Verantwortung ihrer Praxen als konkrete Personen mit jeweils eigener Expressivität und Wirkung im pädagogischen Umgang und in seinem ihm inne- wohnenden Balanceakt von Nähe und Distanz (Gehres 1997; Colla 1999; Dörr /Müller 2007). Sie erfuhren eine fehlerfreundliche Liebe und Verantwortungsbereitschaft, Toleranz, ein Ar- beitsbündnis. Das methodische Handeln in der Sozialarbeit / Sozialpädagogik ist kein technischer Vorgang, vielmehr basiert es auf einer theoriege- leiteten Qualifikation, aber auch auf der persönli- chen Einsatzbereitschaft und Haltung sowie auf dem Charisma des Erziehenden. Der Verlauf einer pädagogischen Situation bleibt offen. Diese Be- grenzung erhöht die Pflicht, situationsangemessen verantwortlich vorzugehen, erfordert ein indivi- duelles, oft nicht artikulierbares intuitives Wissen (tacit-knowledge), das an eine habituelle Orien- tierung durch die Bildungsbiographie des Erzie- hers anknüpft. Im gelingenden Fall kommt es zu einer hermeneutischen Kompetenz des Fallverste- hens, in ihr vereint sich das wissenschaftliche Wis- sen, die pragmatische Kompetenz und die sittlich- moralische Kompetenz (Wimmer /Masschelein 1996). Ansen (2009) insistiert darauf, dass der Anwender einer Methode mit seinen persönlichen Anteilen unhintergehbar bleibt, Elemente der per- sönlichen Beziehung tragen dazu bei, den rat- und hilfesuchenden Menschen Sicherheit und Ent- wicklungsanregungen zu geben. In der Bezie- hungsgestaltung geht es aber auch um inhaltliche Aspekte, damit die Beziehung nicht zum Selbst- zweck aufläuft. Die fast immer personengebun- dene Leistung der Sozialpädagogik / Sozialarbeit ist geprägt durch immaterielle Ressourcen: Men- schen, Gespräche, Zeit und Zuwendung (Rau- schenbach 1999). Der pädagogische Bezug Die noch heute aktuelle Idee des Pädagogischen Bezugs für einen verantworteten professionellen Umgang – als Synonyme werden „pädagogischer Umgang“, „erzieherisches Verhältnis“, „personaler Bezug“, “Bildungsgemeinschaft“, „pädagogische Be­ ziehung“ in der Sozialpädagogik verwandt – stammt von Herman Nohl. Für ihn galt der pädagogische Bezug als Bildungsförderung, die erst durch eine an- gemessene und belastbare Beziehung der auf Un- terstützung angewiesenen Menschen zum Päd­ agogen ihre umfassende Wirkung entfalten kann. „Die Grundlage für die Erziehung ist also das lei- denschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner Selbst willen, dass er zu seinem Leben und seiner Form komme“ (1933). Für Nohl liegt die Fundierung des pädagogischen Bezugs in der he- benden, nicht in der begehrenden Liebe, dies in Verbindung mit Fürsorge, Respekt, Wissen und Verantwortung. Er wehrt sich gegen eine homo- erotische Interpretation seines Ansatzes (leiden- schaftliches Verhältnis), wie in der wilhelmi- nischen Öffentlichkeit ist für ihn eine mann-männliche Beziehung abartig, politisch und sozial schädlich; es ist für ihn ein sexueller Missbrauch. Er grenzt sich damit eindeutig gegen Blüher (1912) ab, der die Homoerotik als sub- limierte Sexualität als eine Triebkraft des Wan- dervogel-Männerbundes deutete. Für Nohl ist dies eine Fehldeutung des pädagogischen Bezuges. Die von Nohl intendierte pädagogische Liebe lässt sich gut mit der analogen Definition von Frankfurt (2005) wiedergeben: Die Liebe zu einer Person schließt im Wesentlichen vier notwendige Momente ein, sie besteht „aus einer interessen- freien Sorge um das Wohl oder Gedeihen der ge- liebten Person“, seine Liebe ist „unausweichlich persönlich“, denn die Person wird „einzig um ih- rer Selbst willen geliebt“. Der Liebende „identifi- ziert sich mit dem geliebten Wesen“. Schließlich stellt Frankfurt fest, dass die Liebe den Willen bindet (Seichter 2007). Eine Variante des pädagogischen Verhältnisses, also ein Arbeitsbündnis auf Zeit, entwickelt Bonhoef- fer. Er beschreibt die dialektisch-spannungsreiche Dialogstruktur einer interpersonalen Beziehung in einem Jugendhilfesetting:

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