Handbuch 5. Auflage

Managerialismus 995 allem ökonomisch argumentierende Policy-For- scher Giandomenico Majone (1993; 1996) bereits Mitte der 1990er Jahre europaweit rekonstruiert. Majone argumentiert, die Sozialpolitik in europäi- schen Gesellschaften würde traditionell auf einem Dreiklang von „redistributiven“, „makroöko- nomisch stabilisierenden“ und „regulativen“ Kern- dimensionen aufbauen. Das Verhältnis dieser Di- mensionen habe sich seit den 1980er Jahren verschoben. Dabei seien die umverteilenden und absichernden Gestaltungsformen als eigenständige sozialpolitische Kernbereiche weitgehend verdrängt und den Imperativen eines produktivistischen „Re- gulatory State“ untergeordnet worden. Die regula- tiven Momente der Sozialpolitik richten sich vor allem auf die Erhöhung der Produktivität durch die Korrekturen von „Marktversagen“. Für die So- zialpolitik des „Regulatory State“ sei eine primär verhaltensnormierende über Anreize und Sanktio- nen erfolgende Gestaltung des Wohlfahrtsarrange- ments charakteristisch, die im Vergleich zur sozial- politischen Logik des klassischen Wohlfahrtsstaats einen dünneren eigenständigen Leistungscharakter aufweise. In diesem Sinne verweist die Entwick- lung hin zu einem Regulierungsstaat auf Prozesse der Zentralisierung strategischer Kontrolle – ins- besondere der Kontrolle über die Ausgaben – bei gleichzeitiger Abgabe taktischer Verantwortung (Muetzelfeldt 2000; White 2000). Die Schwer- punktsetzungen liegen auf Lenkungs-, Koordinie- rungs- und Prüfungsaufgaben, Weisungen und Setzungen von Standards sowie auf anreizbasierten Finanzierungssystemen für Leistungen, die (quasi) marktförmig oder zivilgesellschaftlich erbracht werden sollen. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist die Trennung von öffentlichen Käufern und pri- vaten Anbietern von Leistungen (Purchaser- / Pro- vider-Split), die in der Sprache der neuen Institu- tionenökonomik auf ein Prinzipal-Agent Verhältnis hinauslaufen (Pratt / Zeckhauser 1985). Der we- sentliche Gedanke besteht darin, dass der Purchaser als Prinzipal Aufgaben und Entscheidungskom- petenzen auf einen Agenten bzw. Provider über- trägt, der – so die Hoffnung – diese Aufgaben ef- fektiver erfüllen kann als der Prinzipal selbst. Dabei besteht zum einen die Möglichkeit, dass der Prinzi- pal auf die Verlässlichkeit, Qualität, Effektivität und Effizienz der Arbeit des Agenten vertraut. Wenn der Prinzipal aber damit rechnen muss, dass der Agent Informationsvorsprünge und Verhaltens- spielräume zu seinen Gunsten ausnutzt, geht es darum, ein Arrangement von Anreizen zu etablie- ren, die den Agenten dazu bewegen, im Interesse des Prinzipals zu agieren. Ein wesentlicher Aspekt dieses Anreizarrangements besteht darin, die dis- kretionären Verhaltensspielräume des Agenten durch Überwachungs- und Kontrollmechanismen zu beschränken. Wesentliche Instrumente des Ver- suchs Steuerhoheit zu gewinnen und ein zielbezo- genes Prinzipal-Agent-Verhältnis im Arrangement des ‚regulatory state‘ herzustellen, bestehen u. a. in einer Dezentralisierung von Produkt- und Budget- verantwortung, einem Arsenal von Methoden der Kosten- und Leistungserfassung sowie Versuchen der Steuerung über Kontrakte, „S.M.A.R.T.“ (spe- zifisch, messbar, attraktiv, realisierbar, terminiert), definierten Zielvereinbarungen mit klaren „Perfor- mance-Indikatoren“ sowie ergebnisorientierten Fi- nanzierungen und Verfahren, die den Übergang von einer „neutralen“ Prüfung von Qualitätsstan- dards zu einer aktiven und direkten Lenkung und Steuerung der Praxis markieren (Buestrich et al. 2008; Koschorke 2004). Wie es Majone (1993) formuliert, formieren sich die regulativen Maß- nahmen zu einer „Politik der Effizienz“, deren we- sentliche Kennzeichen eine Output-Legitimation darstellen. Das Ergebnis sei ein dezentralisiertes, marktorientiertes, wie es im modernen Klassiker zur neuen Governance formuliert wird, „catalytic government“, in dem sich der regulative Staat eher auf das „Steuern“ als auf das „Rudern“ konzentriert (Osborne /Gabler 1997). Diese Form der Steue- rung setzt die Durchsetzung von Analyse- und Kontrollsystemen voraus, auf deren Basis die Leis- tungen der unmittelbar wohlfahrtsproduzierenden Einheiten (als Agent) durch den Prinzipal systema- tisch beobachtet, quantifiziert und geprüft werden können. Das bahnbrechende Werk von Michael Power (1997) zur Entstehung einer „Audit Society“ wid- met sich genau dieser Entwicklung administrativer Kontrollinstrumente. Die These lautet pointiert formuliert, dass die (Wohlfahrts-)Gesellschaft des 21. Jahrhunderts im bislang nicht gekannten Aus- maß eine Prüfungs-, Kontroll- bzw. Revisions- gesellschaft darstelle, deren zentrales Charakteristi- kum darin bestehe, dass öffentliche Leistungen in – bürokratischen und ggf. durchaus kosten- und zeitintensiven – quantifizierenden Verfahren (qua- litäts-)geprüft werden. Diese Prüfungsorientierung

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