Handbuch 5. Auflage

Managerialismus 999 lichen Tätigkeit [… gemeint sind standardisierte Diagnosen und Assessments der KlientInnen] mit Informationen versorgt. […] Der direkte Zusam- menhang zwischen dem Umstand, Kenntnisse über ein Individuum zu besitzen, und der Möglichkeit, es zu behandeln, ist zerstört. Die Praktiker […] kontrollieren nicht mehr den Gebrauch der Daten, die sie produzieren. Der Verwaltungsfachmann ist der wirkliche ‚Macher‘“ (Castel 1983, 67). Damit ist nicht zu bestreiten, dass auch eine pro- fessionelle Organisation auf ein funktionierendes Management angewiesen ist und die Stukturie- rungs- und Kontrollaspekte des Managements un- umgänglich sind, um operative Risiken reduzieren und die Produktivität der Wohlfahrtsproduktion erhöhen zu können. Das Problem des Manageria- lismus besteht in seiner Tendenz zum „regulatori- schen Overkill“ und einer Institutionalisierung des Misstrauens gegenüber dem diskretionären Ent- scheidens- und Verhaltensspielraum der Professio- nellen. Ist, wie es Andrea Schenker-Wicki (2008, 3) formuliert, die Prüfungssystematik des Manage- ments „darauf ausgerichtet, dass sich hinter jeder Tätigkeit ein opportunistischer Agent verbergen kann, steigen die Kontrollkosten ins Unermess- liche“. Diese Informations- und Kontrollkosten sind alles andere als produktiv, sondern entspre- chen ziemlich genau dem, was Marx als tote Kos- ten, als „faux frais der Produktion“ beschrieben hat. Die Ideologie, gesellschaftliche Probleme nicht durch professionelle Qualität, sondern vor allem durch überlegene Managementtechniken lösen zu können, übersieht eine einfache, nicht wegzufili- busternde, materialistische Wahrheit: Die Kuh wird nicht vom Wiegen fett. Literatur Albus, St., Greschke, H., Klingler, B., Messmer, H., Micheel, H.-G., Otto, H.-U., Polutta, A. (2010): Wirkungsorien- tierte Jugendhilfe. Waxmann, Münster Beckmann, C., Otto, H.-U., Schaarschuch, A., Schrödter, M. (2006): Qualität und Wirkung in der Sozialpädagogi- schen Familienhilfe. Vorläufige Ergebnisse des DFG-Pro- jektes „Dienstleistungsqualität“. Universität Bielefeld / Universität Wuppertal, Bielefeld /Wuppertal Blocher, M. (2006): „Marketization“ – ein Arrangement zur Bestimmung der optimalen Leistungstiefe für öffentliche Inhousebetriebe? In: Birkholz, K., Maas, C., Maravic, P.v., Siebart, P. (Hrsg.): Public Management – eine neue Gene- ration in Wissenschaft und Praxis. Universitätsverlag Pots- dam, Potsdam Bonvin, J.-M., Rosenstein, E. (2010): Jenseits evidenzbasier- ter Steuerungsmodelle: Kognitive Rahmen und ihre nor- mativen Implikationen in der Governance sozialer Integra- tion. In: Otto, H.-U., Polutta, A., Ziegler, H. (Hrsg.): What Works – Welches Wissen braucht die Soziale Arbeit? Budrich, Opladen/Farmington Hills Braye, S. (2005): Management in Social Work. In: Davies, M. (Hrsg.): The Blackwell Encyclopaedia of Social Work. Blackwell, Oxford Buestrich, M., Burmester, M., Dahme, H.-J., Wohlfahrt, N. (2008): Die Ökonomisierung sozialer Dienste und sozialer Arbeit. Entwicklung – theoretische Grundlagen – Wir- kungen. Schneider, Baltmannsweiler Castel R. (1983): Von der Gefährlichkeit zum Risiko. In: Wambach, M.M. (Hrsg.): Der Mensch als Risiko. Zur Logik von Prävention und Früherkennung. Suhrkamp, Frankfurt/M. Christensen, T., Lægreid, P. (2006): Agencification and Re- gulatory Reforms. In: Christensen, T., Lægreid, P. (Hrsg.): Autonomy and Regulation. Coping with Agencies in the Modern State. Edward Elgar, Cheltenham Clarke, J., Gerwitz, S., McLaughlin, E. (Hrsg.) (2000): New Managerialism, New Welfare? Sage, London –, Newman, J. (1997): The Managerial State. Sage, London Dahme, H.-J., Kühnlein, G., Wohlfahrt, N. (2005): Zwi- schen Wettbewerb und Subsidiarität. Wohlfahrtsverbände unterwegs in die Sozialwirtschaft. Sigma, Berlin –, Wohlfahrt, N. (2007): Aporien staatlicher Aktivierungs- strategien. Engagementpolitik im Kontext von Wettbe- werb, Sozialinvestition und instrumenteller Governance. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2, 27–39 Davies, J., Ryan, M. (2006): Management Services and New Managerialism. Management Services 2, 28–30 Dean, H. (2003): The Third Way and Social Welfare: The Myth of Post-Emotionalism. Social Policy and Adminis- tration 7, 679–708 Dewe, B. (2005): Der Professionalitätsanspruch der Erwach- senenbildung im Spannungsfeld zwischen Managerialis- mus, evidenzbasierter Praxis undTeilnehmerverpflichtung. Report 4, 9–18 –, Otto, H.-U. (2010): Reflexive Sozialpädagogik. Grund- strukturen eines neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandelns. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 3.Aufl. VS Verlag, Wiesbaden, 197–217 Ebinger, F., Schmitt, C. (2010): Alles eine Frage des Manage- ments? Wie Autonomierechte die Handlungsfreiheit des administrativen Führungspersonals beeinflussen. Politische Vierteljahresschrift 1, 69–93

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